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Ursprünge der Tradition, Grundlagen der Lehre und Nath Sadhana

Ursprünge der Tradition, Grundlagen der Lehre und Nath Sadhana 12.10.2020

Das Nath System ist eine antike Yogatradition, welche aus verschiedenen spirituellen Schulen – hauptsächlich tantrischer Strömung – entstand, die zu der Zeit von Mahayogi Goraksha Nath existierten. Darunter Pashupata, Shaiva Siddhanta, Kapalika, Kalamukha und weitere aus noch früheren Systemen, Methoden und Elementen des Yoga, deren Erwähnung in vedischen Quellen vorzufinden sind. Genauer gesagt in den vier vedischen Samhitas, Brahmanas, Aranyakas und Upanishaden. Mit Recht zählt man Goraksha Nath als den Begründer des Hatha-Yoga und anderer Praktiken, welche «Kaya-Sadhana» (Körper-Sadhana) genannt werden. In Indien glaubt man, dass Shiva als Goraksha Nath erschienen ist, um den Leuten das Wissen vom Yoga – «Yoga Vidya» – zu offenbaren. Der Name Goraksha Naths gilt in der Nath Tradition als der Bedeutendste; da es Yogi Goraksha Nath war, der die ideologische Basis schuf, auf welche sich die nachfolgenden Lehrer stützten.

Nichtsdestotrotz gibt es auch eine Vielzahl von wichtigen Bestandteilen, auf welchen das spirituelle und grundlegende Nath System aufbaut und an die Guru Goraksha Nath selbst anknüpfte. Diese gilt es zu berücksichtigen, denn so ist es leichter die Naths als Tradition im Ganzen zu verstehen.

Viele Menschen in Indien nehmen an, dass die Nath Tradition unmittelbar von Shiva Adi Nath entstand, und von Mahayogi Matsyendra Nath als tantrisch-yogische Richtung «Kula» kultiviert wurde. Später wurde die Tradition von Mahayogi Goraksha Nath verbessert, der jegliche spirituelle Erfahrungen aller Yogis in ein geordnetes Yoga System sammelte. Diesem gab man verschiedene Namen: «Yoga Avadhuta Marga», «Siddha Natha Sampradaya», «Adi Natha Sampradaya», «Yoga Marga», «Siddha Siddhanta», usw.

Mit Adi Nath bringt man die in Bengalen weit verbreitete Geschichte in Verbindung, welche Ähnlichkeiten mit den frühen vedischen Beschreibungen der Erschaffung des Universums aufweisen. Adi Nath entstand aus der Leere (Shunyata); seinen Körper (Pinda) kann man vedischer Tradition zufolge Hiranyagarbha zuordnen. Einer Legende von Ketaka, der Shakti Shiva Adi Naths, zufolge, manifestierte sie aus ihrem Mund Brahma, aus ihrer Stirn Vishnu und aus der Yoni Shiva. Adi Nath beschloss diese «Trinität» zu prüfen und verwandelte sich in eine Leiche, welche auf dem Wasser schwimmt.

Als Brahma sie erblickte, schob er sie mit dem Fuß beiseite; Vishnu ging einfach etwas zur Seite und Shiva nahm den Leichnam auf die Arme um ihn danach zu kremieren. Bei der Verbrennung des Körpers Adi Naths entstanden aus dem Rauch, der aus den Körperteilen austrat, die bekanntesten Naths: Aus den Knochen kam Jalandhara Nath oder Hadipa (von Hadi – Knochen), aus den Haaren erschien Goraksha Nath, aus dem Bauchnabel Matsyendra Nath und aus allen anderen Körperteilen entstand Chaurangi Nath.

Wie schon erwähnt, war Adi Nath Shiva selbst, welcher auch als Rudra bekannt ist. Die Shakti Adi Naths Ketaka und Gauri sind eine und dieselbe Shakti Shivas. Manchmal wird sie der bekannten Manasa Devi zugeordnet. In Indien – wie auch viele Naths – zählt man Adi Nath zu einer historischen Persönlichkeit, die etwas früher als Matsyendra Nath und Goraksha Nath lebte.

Adi Nath wird, wie alle Nath Siddhas, in menschlicher Form als Yogi dargestellt. Bei den Naths ist es üblich, ebenso wie im tantrischen Buddhismus, die Lehrer als Manifestationen der Gottheiten anzusehen, wenn nicht sogar höher; deshalb hat Guru Yoga eine besondere Bedeutung. Viele Lehrer stellt man als diese oder jene Inkarnation einer Gottheit des indischen Pantheons dar. Es ist kein Zufall, dass man in vielen Nath Texten wie der «Hatha Yoga Pradipika», «Gheranda Samhita», «Ratnavali» und anderen, Aufzählungen von Nath-Lehrern und deren Verherrlichung finden kann. Bei den Naths ist die Verehrung der Lehrer sehr ähnlich mit der Verehrung ruhmreicher Sidhacaryas, Bodhisattvas und Lamas im Buddhismus oder der Verehrung der Avatare im Hinduismus.

Es gibt einige ungewöhnliche Formen der Gottheiten bei den Naths, z.B. Gajabeli Gajakanthad Nath. Das ist die Ganapati Svarupa (wesentliche Gestalt Ganapatis), manifestiert im Körper des Nath Yogis, welcher ebenso wie Ganesha die Hindernisse auf dem Pfad der Yogis beseitigt. Interessant ist auch, dass man Goraksha Nath im «Siddha Siddhanta Paddhati» auch so nennt – Ganapati. Alle Nava Naths (9 Nath Gottheiten) sind Shiva in einer bestimmten Form. Es existieren äußerst viele verschiedene relative Versionen, welche Datierungen aus dem Leben Goraksha Naths und anderer großen Nath Gurus beinhalten. So behauptet z.B. Dr. Mohan Singh, dass Goraksha Nath im 9. Jahrhundert lebte, Dr. Shahidulah nennt das 7. Jahrhundert und belegt dies mit einer Vielzahl von Anhaltspunkten. Die Söhne von Mahayogi Matsyendra Nath – Nim Nath und Parsha Nath, lebten laut jainistischen Quellen vor Mahavira, also noch vor dem 6. Jahrhundert vor Christus, folglich würde Matsyendra Nath noch früher gelebt haben. Dies unterscheidet sich von der verbreitenden Annahme, dass er im 7.-10.  Jahrhundert unserer Ära lebte.

Unter gründlicher Betrachtung aller Quellen über die Lebensdaten der Mahasiddhas wird es immer schwieriger sich auf genaue Daten festzulegen. Es ist überaus wahrscheinlich, dass viele von ihnen tatsächlich äußerst langlebig und sogar unsterbliche Wesen sein konnten, was für uns ziemlich mystisch klingt, doch wer weiß? Über den physischen Tod vieler Mahasiddhas gibt es keinerlei Nachweise.

Professor G. Briggs erwähnt, dass Goraksha Nath in jeder Epoche erschien bis zum Auftreten des «Guna Avatars» (Shiva-Vishnu-Brahma). Goraksha Nath ist zu unterschiedlicher Zeit an verschiedenen Orten erschienen: In Peshvar, Dvarka, Gorakhpur und anderen. Die Naths in Indien sehen in Goraksha Nath den Guru, Shiva, einen großen Asketen und Yogi, einen Wundertäter und Magier. Man zählt ihn gleichzeitig als einen vollkommenen Schüler und Guru. Laut einer buddhistischen Version war Goraksha Nath ursprünglich Buddhist, bekannt unter dem Namen «Ramana Vajra» oder «Ananga Vajra». Der Name «Goraksha Nath» wird sowohl von nördlichen, als auch südlichen Siddhayogis wertgeschätzt. Seine Lehre ist eng verbunden mit dem tantrischen Buddhismus (sein Name findet Erwähnung unter der Aufzählung der 84 Mahasiddhas), mit indischer Alchemie, mit den «Sahajya» – Kulten, mit bengalischen Baulas, Maheshvaras, Rasavadasiddhas (Raseshvaras), muslimischen Nath Yogi Piras (verknüpft mit den Sufis), tamilischen Chittaras. Matsyendra Nath und Goraksha Nath haben ebenso ihre yogischen Methoden in den «yogischen Teil» anderer Traditionen miteingebracht: Jainismus, Buddhismus, Sikhismus und andere.

shiva_gorakshanath.jpegZum Beispiel beschreibt Guru Nanak (Gründer der Sikh Religion) in schriftlichen Sikh-Quellen seinen Darshan mit Goraksha Nath. Im «Janam Sakhi» wird ein Treffen von Guru Nanak mit Matsyendra Nath und Goraksha Nath beschrieben. Der Name Goraksha Naths wird oft in alchimistischen Texten erwähnt. Alchemie und Yoga der südindischen Maheshvaras implizierte nicht immer eine physische Unsterblichkeit, sondern eher das Verlängern des Lebens und auch das Erlangen von «Purna-Moksha» (vollständige Befreiung).

Außerdem gibt es eine Vielzahl an Büchern auf Sanskrit, Hindi, Marathi, Bengali, usw., in denen Geschichten über Goraksha Nath und seine Nachfolger zu finden sind. Ebenso gibt es auch massenhaft Texte, bei denen die Vertreter verschiedener Schulen die Urheberschaft ihren eigenen Lehrern zuschreiben. So wird zum Beispiel von einer Vielzahl indischer Gelehrter und auch den Naths selbst angenommen, dass im tantrisch-shaktischen System «Krama» (Sampradaya, welche mit der Shakta-Upaya des Kashmir’schen Shivaismus in Verbindung steht) Guru Maheshvarananda, welcher für sein Werk «Mahartha-Manjari» bekannt ist, niemand geringerer als Maheshvara Goraksha Nath selber ist. In jenem Text wird erwähnt, dass Maheshvarananda selbst Goraksha Nath ist.

Im «Mahartha-Manjari» werden u.a. die tantrischen 5M’s (pañca-makara; fünf verbotene Elemente welche in tantrischen Ritualen als Opfergabe dargebracht werden und die mit dem Buchstaben «M» beginnen) als yogische Mudras des Hatha-Yoga bezeichnet. Ebenso gibt es einige Uneinigkeiten in Bezug auf die «Goraksha-Samhita», welche auch als «Svacchanda-Shaktiavatara-Tantra» bekannt ist, die laut einer Ausgabe von Alchemie, Yoga und Ritualistik handelt (welche über einen umfangreicheren Inhalt verfügt, als die uns bekannte «Goraksha-Samhita»). Eine Reihe von Gelehrten weist diesen Text dem Shakti-Kult der Kubjika (Synonym zu «Kundalini-Shakti») zu, andere assoziieren ihn mit den Naths.

Da Tantra und Yoga höchstwahrscheinlich etwas früher entstanden sind als der Yoga Goraksha Naths in Form eines entwickelten yogischen Ordens (nach Meinung vieler Gelehrter und Forscher), kann man sagen, dass sie als Vorläufer dienten für die Erschaffung des Hatha-Yoga, welcher die Erfahrung des klassischen Yoga und tantrischer Systeme verbindet. Jedoch überflügelten viele Yogis diese Lehren sogar um ein vielfaches, übernahmen davon das effektivste in die Sadhana und das, was eine radikale psycho-physische Transformation des menschlichen Wesens bewilligte.

Heutzutage existieren viele Yoga-Schulen und – Methoden, welche dem Hatha-Yoga viel entlehnt haben. Mahant Avendya Nath sagt, dass all diese Schulen Goraksha Nath nicht komplett entgegenstehen können, da sie alle ohnehin von ihm abstammen. Jede dieser Schulen ist eng auf ihre Methoden fokussiert und idealisiert diese, wobei ein Teil der Sadhana isoliert vom Ganzen wird. Dabei wird der spirituelle Aspekt des Hatha-Yoga vernachlässigt und der Name des Gründers – Goraksha Nath – wird der Vergessenheit preisgegeben. Deswegen ist es äußerst bedenklich ihre Praktiken als Sadhana des traditionellen Hatha-Yoga im weitesten Sinne des Wortes zu nennen.

Naths sind Menschen des Glaubens, welchen sie aus praktischer Erfahrung selbst geformt haben. Sie gingen ziemlich schöpferisch an die Kultur und ihr Umfeld, in dem sie heranlebten, indem sie verschiedene Methoden ausprobierten, diese absorbierten und neue erschufen. Wie dem auch sei, für die Naths war die Erfahrung vorangegangener Yogis definitiv autoritativ.

Die Lehr-Grundlage und Nath-Sadhana

Die Grundlehre der Naths der Goraksha Nath-Linie wird von Gelehrten häufig als «Dvaita-advaita-vibarjita» (außerhalb der Dualität und der Nicht-Dualität) bezeichnet oder als «Prakshapata-Binirmukta» (frei von der Anhänglichkeit zu irgendeiner Doktrine und von deren letztendlicher, vollkommener Verneinung). Die Avadhuta-Yogis werden im Großen und Ganzen von vielen Gelehrten und Forschern nicht zum Hinduismus oder gar zum Tantra gezählt. Die Naths bemühten sich stets darum der Realität nicht irgendwelche Etiketten oder feste Bestimmungen anzuhängen, was dazu führte, dass viele Pandits in Indien die Naths wie ein schwaches philosophisches System einschätzen, und sogar fernab von der Gesellschaft sahen.

Jedoch besteht das Problem der meisten Philosophen darin, dass sie oft ihre vermeintlichen Konzepte auf die bereits vorherrschende Realität anwenden, was dem Ansatz der Naths komplett widerspricht. Ein anderer Fehler im Mangel an Verständnis gegenüber den Naths besteht darin, dass sie – angeblich – komplett und endgültig die soziale Moral verneinen würden, die Prinzipien Yama-Niyama, und lediglich nur den Shadanga-Yoga hinterließen (6-teiliger, gestufter Yoga, welcher Yama-Niyama ausschließt).

Es ist unbestritten, dass die Naths der «Kaya-Sadhana» den Vorzug gewähren, jedoch haben sie die Gesetzmäßigkeiten von Yama-Niyama nicht vollkommen abgelehnt, sondern diese eher erweitert behandelt. Man muss berücksichtigen, dass es bei den Naths keine einseitigen Traktate über die Niyamas gibt, denn Niyama (Vorschrift für die Sadhana) kann nicht nur fünf-teilig sein wie bei Patanjali, sondern 10-, 20-teilig usw. Besonders aktuell ist das in unserer zeitgenössischen Welt. Jeder Moment im Leben eines Inders oder Europäers erfordert einen bestimmten, genau auf ihn abgestimmten Ansatz, und nicht das blinde Befolgen von harten Vorschriften.

Die Naths waren keine chaotischen Anarchisten, im Ganzen hielten sie sich an die vernünftigen Vorschriften des Yoga. Eine urtümlich richtige, ideologische Basis ist unumgänglich, welche autoritativen yogischen Quellen entstammen sollte, was im Weiteren eine erfolgreiche Sadhana ermöglicht. Die Naths sind keine strengen Fanatiker bestimmter philosophischer oder religiöser Dogmen. Natürlich verursachte das eine Menge Unverständnis von Seiten der hinduistischen brahmanischen Orthodoxie. Die Naths haben ein biegsameres Verständnis von Yama-Niyama und Yogatechniken, und darauf geht ebenso der Einfluss des flexiblen Ansatzes zurück. Genauso die Weltsicht des Tantra, welche den Naths nahe stand.

Zur Zeit der Verbreitung des vaishnav’schen Bhakti-Kults (15.-17. Jahrhundert) existierte ein anderes Problem. Da das gewöhnliche Volk nicht in der Lage war den Yoga-Pfad zu verstehen – insbesondere ohne eigene Praxis– zogen viele Bhakti vor, da sie besser in der Lage war den Ausdruck der Gefühlsebene zu äußern. Später entstanden Parolen, welche noch bis heute von zeitgenössischen Neo-Vaishnavas zu hören sind: «Hatha-Yoga ist ein unspirituelles System für Materialisten». Jedoch sind weder zu der Zeit Caitanyas, wie auch heute noch die wirklichen Mystiker, welche Yoga praktizieren, nicht in irgendwelche religiösen Dispute getreten.

Die Mehrheit der Kleinbürger war eher bereit einem emotional-religiösen Prediger zu glauben, anstatt einem Yogi, der schweigend und ruhig die Welt betrachtete, der sich seiner Selbstvervollkommnung widmete. Und, nichtsdestotrotz, haben die Nath-Mystiker die indische Gesellschaft über die unsichtbare, für die Sinne nicht wahrnehmbare, feinstoffliche Ebene beeinflusst. Elemente des Bhakti durchdrangen die Nath-Lehre ebenso wie die Niyama-Vorschriften, als Bestandteil der Sadhana. Auf diese Weise blieb der mystische Yoga der Naths stets verborgen, und die Lehre wurde nicht an viele weitergegeben.

Mit der Zeit ist sogar der Mythos entstanden, dass der traditionelle Nath-Yoga in Indien endgültig ausgestorben sei. Dieser Mythos war insbesondere im Westen verbreitet, da verschiedene «Fitness-Yoga» – Strukturen alles dafür taten um eine solche Tendenz im Bewusstsein der Menschen zu etablieren. Die Naths selbst sind sich darüber im Klaren und in der Regel versuchen sie auch nicht dies zu verhindern, da sie annehmen, dass es für jedes Praxis-Niveau ein dementsprechendes Stadium gibt.

In der «Shiva-Samhita» (1.1 – 1.16) steht ganz zu Anfang geschrieben, dass schlechte Taten zu schlechtem Karma führen und gute Taten zu gutem Karma. Jedoch sind sie alle, ob gut oder schlecht, ein Hindernis für diejenigen die zur Erlösung streben. Die «Shiva-Samhita» berichtet auch über die Nutzlosigkeit philosophischer Spekulationen und Theorien. Die Naths gleichen allen Mystikern – sie befinden sich außerhalb von weltlichen Vorstellungen von Gut und Böse.

«Die Körper der Lebewesen entstehen aus guten und bösen Taten, aus diesen Taten entsteht das Karma, und dieses dreht sich im Kreis, wie ein Brunnenrad»

(Gheranda Samhita 1.6)

Ähnliche Worte kann man in fast allen klassischen Nath-Texten vorfinden. Goraksha Nath beschrieb sein System in Worten, die an verschiedene spirituelle Erfahrungen koppeln, welche die Mystiker der damaligen Zeit verstanden, so z.B.: Maha-Mudra, Khecari, Shakticalana, Shambhavi und weitere. Viele sind dem indischen Tantra entnommen, dem tantrischen Buddhismus der Vajrayana und shakti’schen Traditionen. Goraksha Nath ordnete sie der körperlichen und innerlichen «Antar» - Praktik zu.

Gerade der Körper, und alles was mit ihm in Verbindung steht, ist es, was die allergrößte Abhängigkeit darstellt, darum arbeitet der Nath mit dem was als grundlegend für das menschliche Wesen gilt. Der Körper gilt für die Naths als Quelle der Befreiung und der vollen psychophysischen Harmonie. Diese bezeichnen die Naths als «Samarasya», «Samarasatva» (Einheit aller Wesen) oder «Yamala» (im Tantra), welche der Yogi im eigenen «Pinda» - Körper erlangt.

Die Naths sind der Meinung, dass es mittels der «Kaya-Sadhana» möglich ist, nicht nur das Bewusstsein zu erleuchten, sondern auch der Erwerb des Zustands von Shiva. Sowohl im spirituellen, als auch im physischen Sinne, die Erlangung der physischen Unsterblichkeit durch eine Vergeistigung des Körpers. Der makrokosmische Körper Shiva’s – «Para-Pinda» und der menschliche Körper – «Vyashti-Pinda» erringen eine komplette Wechselbeziehung und Harmonie.

Paradoxerweise ist der Einfluss der mystischen Nath-Tradition in Indien äußerst hoch, trotz der Verschlossenheit des Systems in ihren höheren Formen der Sadhana. Und das nicht nur für Ausländer, sondern selbst für die Inder. In der indischen Gesellschaft werden die Naths, wie auch Tantriker, oft fälschlicherweise für Zauberer, Schlangenbeschwörer, usw. gehalten. Das ist natürlich eine ziemlich primitive Sichtweise, obwohl einige Naths, ähnlich wie die Tantriker, sich mit magischen Praktiken beschäftigten, jedoch waren diese Praktiken kein grundlegender Bestandteil ihrer Sadhana. Das Wort «Siddha» bezeichnet gewiß nicht einen irgendwelchen Hellseher, sondern denjenigen, der sein spirituelles Potenzial erkannt und realisiert hat. Es ist eher so, dass die Bezeichnung Nath (Herrscher) oder Siddha (Vollkommener) als ein Zustand Shivas betrachtet wird, und laut der Lehre der Naths ist eine jede Jiva (lebendes Wesen) identisch mit Shiva.

Wir können einen Unterscheid im philosophischen Teil der Lehre des Maharishi Patanjali «Dvaita» (Dualität) und Shankaracarya «Advaita» (Nicht-Dualität) abbilden. Maharishi Patanjali erwähnt den Purusha (Geist) und den «Vishesha-Purusha» (besonderer Purusha-Ishvara), er spricht von Moksha in Form einer Absonderung des Geistes – des Purushas von der Prakriti, unterscheidet dabei gewöhnliche Purushas und den Vishesha Purusha. Auf diese Weise erscheint die Lehre des Patanjali dualistisch.

Die Naths setzten den Akzent gerade eben auf den Purusha oder Atma, dabei zählten sie diesen als exorbitant in Beziehung zu transzendenten und immanenten Realitäten. Den Naths zufolge, befindet sich die Shunyata im Atma («Shunyatma») selbst, genauso wie alle zeitweiligen Erscheinungen des Alls. Die Naths nehmen an, dass der Atma nicht nur identisch mit Shiva ist, sondern selbst seine höchste Form ist, da Shiva in der verkörperten Form in Einheit der Shakti mit dem Atman verweilt. Im Kashmir’schen Shivaismus wird diese Einheit «Samarasya» genannt.

Patanjali stand hauptsächlich zu der Abtrennung von der Prakriti, ähnlich wie beim frühen Theravada-Buddhismus, welcher sich zum Fortgehen aus der zeitweiligen Welt des Samsara mittels strengen Befolgen von mönchsasketischen Vorschriften bekannte. Buddhisten verneinen das Sein, die Realität des «Ichs» und die ganze phänomenale Welt, die Naths hingegen bestätigen die Realität, welches durch das wirkliche «Ich» erlangt wird. Auf diese Weise erkennen sie die Realität der Welt an. Spätere Formen des Buddhismus interagierten mit den Naths, da die tantrische Weltsicht so etwas zulässt. Der bekannte Verbreiter der Advaita, Shankaracharya, behauptete im Gegensatz zu Patanjali, dass die Prakriti und Maya nicht als real gelten, wobei diese Frage laut Shankaracharya ziemlich umstritten sei. Es gibt eine Fassung laut der es einige Lehrer gab mit dem Namen Shankaracharya; ebenso gibt es eine Version, welcher zufolge Shankaracharya ein Advaita war, welcher an die Sicht des Vedanta festhielt, und gleichzeitig ein Tantriker war. So beschreibt ihn die tantrisch-shaktische Tradition Shri Vidya, welche sich zum Teil auf die Lehren Shankaracharyas stützt, z.B. zählt die Shri Vidya Shankaracharyas «Saundarya Lahari» und andere zu shaktischen Texten.

Einer Legende zufolge, unterhielt sich Shankaracharya einst mit Satya Nath auf dem heiligen Berg Shayla und es ist äußerst wahrscheinlich, dass er mindestens eine Vorstellung vom Yoga der Naths hatte. Die Naths verneinen die Realität der Shakti nicht und verehren sie mit verschiedenen Methoden, ebenso begrenzen sie sich nicht ausschließlich durch Shaktismus oder Shivaismus. Die Naths streben zum Bewusstsein der Einheit von Shiva und Shakti. Im Allgemeinen wurde Shankaracharya nicht als tantrischer Guru bekannt, und viele seiner Anhänger standen in Opposition zu den Buddhisten, im Gegensatz zu den Naths.

shatkona_bindu.jpegDer Nath Yogi führt mit der Zeit alle schwierigen äußeren tantrischen Verehrungen auf ein Minimum (in der Regel sind diese in den beginnenden Stufen vorhanden). Nicht weil solche Praktiken als schlecht gelten, sondern weil diese ohne innere und grundlegende Transformation keinen wirklichen Wert haben. Im Allgemeinen bevorzugen die Naths die Spiritualisierung von allem, womit sie zu tun haben, in erster Linie spiritualisieren sie den Körper und Geist.  

Außergewöhnlich ist auch der rituelle Teil der «Karma-Kanda» bei den Naths. Einige Rituale, welche die Naths praktizieren, erscheinen nach außen ziemlich einfach. Das liegt daran, dass die Naths ihre eigene innere yogische Erfahrung in die tantrischen Riten miteinbrachten, was diese in der Folge ziemlich stark transformierte. Trotzdem bewahrten die rituellen Methoden in sich einen höheren spirituellen Sinn und die Erfahrung tantrischer Riten. Im Grunde sind so die Rituale der Naths entstanden, und zum jetzigen Zeitpunkt unterscheiden sich viele rituelle Praktiken ziemlich stark von bekannteren tantrischen.

Viele auf den ersten Blick einfach erscheinende Rituale sehen interessant aus, wie z.B. Homa (Feuerritual), Puja oder die Arbeit mit Yantras. Diese repräsentieren eine verkürzte tantrische Anbetung der 10 Mahavidyas (zehn Formen von Kali). Manchmal werden die 8 Bhairavas mit den 9 Naths assoziiert, wobei der neunte Goraksha Nath ist. Die Verehrung der 84 bekannten Naths wird mit der Verwendung eines speziellen Yantras – «Shri Natha-Siddha-Yantra» durchgeführt. Bei der Ausführung der Verehrung spürt der Sadhaka wie auf ihn die Erfahrung der Lehrer der Natha-Sampradaya herabfährt.

Der Unterschied in der Herangehensweise und den Zielen der Tradition und Gymastikzentren

In der Nath-Tradition gelten Samadhi und Akalpita-Siddhi zu den angestrebten Zielen. Fitnessströmungen haben mit solchen Zielen nichts gemein. Natürlich verwenden die Naths diese und jene Methoden, sowohl welche aus anderen Traditionen, als auch nicht-traditionelle. Doch wenn sie einmal etwas übernahmen, so adaptierten sie diese in der Regel an ihre eigenen Ziele und Aufgaben. Die Engländer konnten die Naths nicht sonderlich beeinflussen, ebenso konnte niemand wesentlich Einfluss nehmen, der primitive öffentliche Interessen verfolgte. Die Natha-Sampradaya stellte schon immer Moksha als Ziel und genau solche Ziele haben auch einen Bezug zum Yoga.

Was die vielen heutigen Schulen angeht, so kann man das keineswegs Yoga nennen, denn sie unterscheiden sich nicht von Gymnastik. Selbst Gymnasten können sich besser biegen, und einfache Materialisten können um einiges besser gesundheitsfördernde Übungen zusammenstellen. Doch das ist alles kein Yoga und kann es auch nicht werden, denn die Ziele der Gymnastik sind andere.

Es gibt einige Leute, die behaupten, dass das, was sie lehren, natürlich nicht das «höchste Yoga» sei, jedoch zumindest eine Vorbereitung darauf; womit sie ihrem Business etwas Mystisches verleihen. Sie berufen sich darauf, dass die Menschen sich angeblich schrittweise ändern müssten und nur danach werden sie ihnen Yoga beibringen. Das jedoch ist (Das ist jedoch)Betrug, das ist als würde ein Drogensüchtiger sagen, man müsste zunächst das Wesen der Droge begreifen, und danach erledige sich das schon von selbst. Jedoch wird so ein Mensch immer abhängiger. Mit dem populären Yoga ist es dasselbe, sie führt zu nichts Wesentlichem und hat keinerlei Beziehung zur echten Yogatradition.

Der Unterschied zwischen der Tradition und den Yogazentren liegt in den Motiven und den Aufgaben. In den grundlegenden Nath-Texten wie «Siddha-Siddhanta Paddhati» oder «Akulavara Tantra» wird man nicht auf eine Vielzahl von Asanas stoßen. Das liegt daran, dass Asanas, in dem Sinne wie die meisten diese verstehen, nicht zu den Zielen der Naths gehören. Traditionelles Yoga kann nur derjenige unterrichten, der selbst ein normaler Schüler in einer echten yogischen Tradition wurde, dementsprechend sollte ein solcher Adept streng die Anweisungen des Gurus befolgen.

Nichts dergleichen wird man unter den Lehrern in gewöhnlichen Yoga-Zentren finden, sie sind selbst nicht einmal Schüler, wie wollen sie jemandem Yoga beibringen? Vor allem, um zu lehren muss man nicht nur Schüler werden, sondern mindestens ein guter Schüler sein; und um alles, was es in der Tradition gibt zu lehren, muss man ein Guru werden. Man kann sich ein beliebiges Werbeschild anhängen a la «Ashtanga-Yoga» oder «Patanjali-Yoga», Gymnastik lehren und unter dem Deckmantel der Philosophie in Form schlauer Information Geld machen. Jedoch entwickelt man sich dabei selbst nicht weiter und erschafft eine Illusion yogischer Entfaltung für andere, aber so etwas ist kein Yoga. Information und Gymnastik kann man zu keiner echten Yogapraxis zählen, und überhaupt zu keiner echten spirituellen Praxis.

Die Praxis beginnt unter dem Vorhandensein eines traditionellen Gurus und eines Schülers; wenn der Schüler sich richtig zum Lehrer verhält, in Übereinstimmung mit den Anforderungen einer authentischen Linie. Texte sprechen von einer 12-jährigen Vorbereitung, aber man muss hierbei anmerken, dass das für den Fall gilt, bei dem der Adept initiiert ist, er die richtige Einstellung zum Guru und eine übertragene Sadhana hat. In Indien prüft der Guru in der Regel den Anwärter auf eine Schülerschaft. Den Shudras sind vier Jahre Prüfzeit vorgeschrieben, Vaiyshyas drei Jahre, Kshatriyas zwei und Brahmanen ein Jahr. Einen demütigen Schüler, der bereit ist intensiv zu praktizieren und der Disziplin vorweisen kann, kann sofort als Schüler angenommen werden. Des Weiteren steht in den Texten geschrieben, dass eine Lehre nicht immer zwölf Jahre dauern muss; abhängig von der Varietät der yogischen Sadhana kann das auch kürzer sein. Wenn es eine echte Sadhana ist, dann sollte der Adept Siddhis entwickeln.

Der Ansatz in der Tradition und der Ansatz derer, die sich nur an Kleinbürgern orientieren, sind verschieden. Dabei geht es nicht nur darum, dass bei jemandem das Element der Gymnastik in den Praktiken vorhanden ist. Wenn diese oder jene yogische Organisation einzig und allein Gymnastik unterrichtet und das auf allen Ebenen, so wäre es besser wenn sie sich «Zentrum für Gymnastiktraining» nennen würde. Diese Bezeichnung wäre passender, denn Yoga gibt es da ja nicht. Wenn in der Werbung etwas von „traditionellem Yoga» steht, aber lediglich Gymnastik unterrichtet wird, so kann man das durchaus als «aggressives Marketing» bezeichnen. Das hat zu keiner Tradition eine Beziehung. Wir stellen kein Gleichheitszeichen zwischen der Tradition und einfachem Marketing. Weshalb sollte eine antike autoritative Tradition dem folgen, was ihr nicht vorgeschrieben ist? Weshalb sollte sie sich irgendwelchen Business-Händlern unterordnen, und nicht dem folgen, was der Guru lehrt? Zu was ähnliche Korrekturen und einfache Pfade führen, ist wohl bekannt: Die Lehre degradiert, allmählich wird sie zu «Yoga for dogs», «Yoga for real women», u.s.w. Mögen diesen Weg gehen wer möchte, doch die Nath Tradition geht den seinen.

Viele authentische Schulen entarteten nicht deshalb, dass sie sich nicht anpassten an die Wandlungen in der Welt, und nicht weil sie sich anpassten, sie starben aus, weil sie keinen Glauben in ihrer Lehre mehr hatten. Das ist der Hauptgrund. Alles beginnt damit, dass man unter Einfluss von Leuten gerät, die auf falschen Pfaden wandeln, und nicht mehr genug an seinen Guru glaubt. Zunächst denkt man, dass die Anpassung an das Illusorische eine große Weisheit wäre und man sich damit nicht identifiziere, doch allmählich erfolgt eine komplette Gleichsetzung. Aus diesem Grund stellten die Nath Yogis immer Vairagya (Pfad der Entsagung) an die erste Stelle. Ansonsten könnte man sich in Illusionen verfangen, und damit dies nicht passiert, gibt es bewährte und richtige Orientierungshilfen in Form des Gurus und der Sampradaya.

Je weniger der Akzent auf das Soziale als Basis gelegt wird, desto mächtiger sind die Schule und die Doktrinen. Zudem gibt es folgendes Prinzip, welches besagt: Je mehr Leere, desto mehr kann sie auch in sich fassen. Die Leere ist die Entsagung und ohne Entsagung ist es unmöglich irgendetwas zu erreichen. Das Zeitliche wird verloren gehen, und wenn es etwas Ewiges gibt, dann kann man nichts verlieren, da das Ewige Alles ist. Folglich sollte man sich am Ewigen orientieren. Genau dies unterscheidet auch eine echte Tradition und Yoga von allem anderen.

Grundlegendes und Zweitrangiges in den Traditionen

In jeder Tradition gibt es eine Basis und einen Zusatz. Was die Basis angeht, so hoffe ich, dass dies für viele Leser auch so klar ist. Doch was hat es mit dem Zusatz auf sich? Die Anwendung kann verschieden sein; so kann es z.B. auch sein, dass in einer Sampradaya ein Nath Yogi Bhakti lehrte und an Krishna glaubte (die Naths können glauben an wen sie wollen, das Subjekt der Verehrung als eine Manifestation Goraksha Naths wahrnehmend). Angenommen, ein Nath Yogi entwarf sein eigenes System (auch so etwas gibt es), so kommt die Frage auf, ob sich dieses System in der Sampradaya akklimatisiert oder nicht. Und daran kann man erkennen, ob diese Ergänzung funktionsfähig ist. In der Zukunft könnte sie für jedermann als heilig gelten, oder aber auch in Vergessenheit geraten, wenn jemand ein besseres System bereitstellt.

Deshalb, wenn jemand Veränderungen in das traditionelle System einbringt, so muss man bedenken, inwiefern sie im Großteil der Sampradaya ankommen werden. Natürlich kann man in den Vedanta die Fülle des Hatha Yoga miteinbeziehen, doch wird er in den großen vedantischen Orden genauso praktiziert wie z.B. im Westen? Das ist die eine Sache.

Das Zweite wäre: Die Naths sehen Hatha Yoga als eine Methode zur Erlangung von Samarasya – der Einheit von Shiva und Shakti; doch die vedantischen Gurus werden Hatha Yoga als eine Technik zur Erwärmung des Körpers und zum Schutz vor Frost in Gebirgen verwenden – und das ist lange nicht ein und dasselbe. Und dann kommt es vor, dass ein vedantischer Guru behauptete: «Ich lehre echten Yoga». So führte eines zum anderen, alle glaubten ihm und im Westen begann man seine Lehre zu verbreiten; weder Vedanta, noch das Yoga welches Goraksha Nath lehrte.

Mitunter entstanden deshalb jene Glaubenstendenzen, dass Yoga im Grunde genommen körperliche Praktiken seien. Und wie könnte man ihm auch nicht glauben; er hat eine dunkle Hautfarbe und ist ein Ureinwohner Indiens. Außerdem ist er in eine Tradition eingeweiht, hat eine brahmanische Schnur und eine Danda; alles so wie es sich gehört, und deshalb ist der Yoga den er lehrt auch traditionell. Und derjenige, der es wagt zu sagen, dass dies kein traditioneller Yoga sei kommt dann eben nicht so gut davon, vor allem wenn dieser Guru schon tausende oder Millionen von Anhängern hat. Erst recht wenn er so viele Anhänger hat, wie könnte man dann glauben, dass dies kein echter Yoga sei? Das Massenphänomen wirkt auf alle hypnotisch, deshalb bleiben die Zweifel in der schlafenden Seele tief verborgen.

Doch wir kennen eine Vielzahl an Beispielen, bei denen Menschen in eine beliebige erfundene Ideologie glaubten, und das nicht zu tausenden oder Millionen, sondern ganze Nationen: Die Ideologie Hitlers, Stalins, Mussolinis. Wer hätte die Richtigkeit der Lehre dieser Persönlichkeiten anzweifeln können? Und doch, wie es sich später herausstellte, können sich doch sogar Millionen irren. Deshalb ist die Anzahl der Anhänger für einem bestimmten Zeitraum noch kein Anzeiger für die Wahrhaftigkeit einer Lehre. Wahrhaftig ist nur, was sich über Jahrhunderte bewährt hat, und nicht nur über einen Zeitraum von einigen Jahrzehnten.

Fragen an Guru Yogi Matsyendra Nath Maharaj

Was ist eine Parampara?

Eine Parampara ist eine ununterbrochene Nachfolge von Anhängern einer Tradition, einer Tradition in der eine grundlegende Doktrin besteht, in der genauestens ein Lehrziel (das Ziel der Lehre) erklärt wird und Methoden um dieses zu erreichen. Die Lehre sollte unbedingt durch die Zeit bewährt sein, nicht ein Jahr und auch nicht 10-20 Jahre, sondern Jahrhunderte. Sie sollte sich bewährt haben.

Es gibt noch viele Menschen mit einer oberflächlichen Ansicht bezüglich Yoga und spirituellen Systemen, welche denken, dass wenn ein Mensch eine charismatische Persönlichkeit ist und Qualitäten in sich entwickelt hat, welche vielen Menschen fehlen, so kann dieser Mensch ein spiritueller Lehrer in dieser oder jener Tradition sein. Aber so ist es nicht. Ein echter Guru bindet nicht an sich, obwohl man sich zu ihm mit gebührender Wertschätzung verhalten soll; doch der Guru darf nicht vergessen, dass er einen Schüler in einer Tradition ausbildet, über die er nichts höher stellen sollte. Er darf sich nicht mit Vergänglichem und Weltlichem identifizieren.

Der Guru ist derjenige, der dem Schüler eine Geburt in einer anderen Welt gibt, er hilft ihm sich zu entwickeln. Derjenige, der den Schüler beim Entfalten in einer echten Lehre stört und zu seinem persönlichen Egoismus zieht, kann nicht als Guru gezählt werden. Gespräche über hoch entwickelte Wesen, welche über allen Traditionen stehen sind gänzlich unnütz, und führen nur in eine Sackgasse.

Was bedeutet es einer Sampradaya anzugehören und wie kann man die Stufe der Angehörigkeit einschätzen?

Dies bestimmt der Guru, der die Diksha übergibt und eine jede Diksha benötigt nicht wenig an Zeit. Sich in der Tradition befindend, korrigiert der Schüler ständig seine Sadhana dank dem Guru und allen, die in der Tradition eine bestimmte Verwirklichung erfahren haben. Seine Kenntnisse vertiefen sich und parallel dazu auch das Verständnis bestimmter Feinheiten, es entsteht eine Verbundenheit zur Nath-Sampradaya. Diese Verbundenheit kann z.B. nicht entstehen, wenn man sich hunderte Male verbeugt oder niederwirft, auch nicht, wenn man beginnt ein Mantra viele tausende Male zu wiederholen; obwohl natürlich das Besuchen von heiligen Orten und die Kommunikation mit dem Guru unumgänglich sind. Doch dieser Prozess ist nicht festgeschrieben, nach einiger Zeit spürt man einfach selbst, dass man ein echter Nath ist und dass, indem man sich eine Pfeife umhängt oder seine Ohren durchsticht, man nicht nur ein einfacher Imitator ist, sondern, dass das wahrhaftig das Richtige für einen ist.

Ihr habt selbst gesehen, was mit den Leuten passiert, die das bekommen, zu was sie nicht bereit sind – sie fallen, noch bevor sie die Praxis begonnen haben. Deshalb ist Wissen gefragt, ebenso wie das Nachfragen und die erhaltenen Antworten, welche jegliche Zweifel beseitigen, dass dieser Weg auch der eigene ist. Doch wenn ein Mensch den Naths aus Mode beitritt, und im Innern ein Chaos herrscht, so erscheint er dem Äußeren nach als Schüler, ist aber kein Aughar-Sadhu und erst recht kein Darshani.

Wenn er denkt: «Ich bin ein Nath, doch mein Weg ist die kabbalistische Magie und der Pfad der Azteken» – so ist das ein Schüler des «äußeren Kreises». Nicht, dass die Kabbala etwas Schlechtes wäre, doch in Wahrheit ist es so, dass es gleich ist was ein Mensch praktiziert, seine Tiefe wird in allen Praktiken gleich sein, unabhängig von der Konfession.

Ich habe Buddhisten und Sufis gesehen, deren Stufe ausreichen würde um ein Darshani-Nath zu sein, aber logischerweise reißen diese sich nicht darum Dikshas zu sammeln. Ehrwürdig verhalten sie sich gegenüber den Naths und erkennen ihre große mystische Tradition an, auf Anhieb verstehen sie alles was mit den Naths in Verbindung steht. Das sind ruhige Menschen ohne impulsive Tendenzen, die keine voreiligen oder fehlerhaften Schlüsse ziehen, die unterscheiden können und die freundlich im Umgang mit Menschen sind, die Lehrer, Sadhus und andere Traditionen respektieren. Diejenigen, die dem Guru vertrauen, die standhaft in ihren Prüfungen sind und nicht äußerlichen Wandlungen ausgesetzt sind, die wissen, was das wahrhafte Ziel der Tradition ist, und die sicher zu ihrem Ziel streben – das sind echte Yogis, und denen übergibt der Guru höhere Einweihungen, öffnet verschiedene Feinheiten der Sadhana. Und diese zeigt er, weil ein solcher Schüler Bedarf daran hat.

Woher kommt die Zahlensymbolik der Nava-Naths und Chaurasi-Siddhi (9 Naths, 84 Siddha)?

Der Kult der neun Naths ist ein antiker. Sie werden in Texten der Kubjika-Tradition, Shri Vidya u.a. erwähnt. In unserer Tradition teilen sich die Nava-Naths in Shaiva-Math und Vaishnava-Math auf. Shaiva beschreibt die Nava-Naths als Svarupas der Götter, solcher wie Parvati, Ganesha, Vishnu, Brahma, Shesha-Naga und andere. Sie alle werden als Erscheinungen Shivas angesehen. Im Grunde ist es so, dass wenn man diesen Naths Ehrerbietung darbringt, so verehrt man verschiedene spirituelle Energien Goraksha Naths.

Die Vaishnava-Math verehrt die Nava-Naths als neun Narayanas, welche im Shrimad Bhagavatam erwähnt werden. Dort werden sie aufgezählt als Kavi-Narayan, Hari-Narayan, Antariksha-Narayan und andere. Das sind solche Naths wie Carpa Nath, Revan Nath, Gahini Nath, usw. Die einen haben ihre Verbreitung im Süden Indiens, die anderen im Norden. Die Nath-Sampradaya gibt es sogar auf Shri Lanka.

Die Nava-Naths sind Symbole verschiedener Aspekte des Absoluten und seiner Schöpfung: Adi Nath – Akasha, Achalachambhe Nath – Shesha (Luft und Gravitation), Santosh Nath – Feuer, Satya Nath – Wasser, Udaya Nath – Erde, Gajana Nath besteht aus allen Elementen, kreiert verschiedene Formen und erschafft die Ganas und verschiedene Gottheiten. Chaurangi Nath – Mond und Wachstum, die tierische Energie, und wenn es eine Wachstumsenergie gibt, so entsteht auch eine sexuelle Kraft oder Mahamaya – und das ist Matsyendra Nath. Goraksha Nath selbst schließt den Kreis – Er ist die Form Jnanas, der Gegensatz zu Maya. Jedoch, gibt es auch andere Auslegungen der Nava Naths und Chaurasi Siddhas.

Was die Chaurasi Siddhas angeht, so gibt es hier viele mehrdeutige Meinungen und neben der Grundaufstellung noch eine Menge Variationen. Die Zahl 84 wird in unserer Linie häufig mit der Multiplikation von 7 x 12 (Wochentagen und Monaten im Jahr) in Verbindung gebracht. Es gibt noch eine andere Symbolik: Die Anhänger Gorakh Naths sakralisieren den Körper, so hat der Körper eines jeden Menschen z.B. die Länge von 84 Fingerdicken. In den Upanishaden wird der Atman mit dem Finger gleichgesetzt, in dem Kulananda Tantra empfiehlt Matsyendra Nath auf das Licht im Herzen zu meditieren, welches die Größe eines Fingers hat. Natürlich sind solcher Art Texte für den einfachen Menschen nicht verständlich, sie verstehen nicht, wer Yogis sind, und was Nada und Bindu bedeuten oder Sonne und Mond. Im Detail wird dann der Sinn der Symbolik zugänglich, erst dann wenn man viele traditionelle Konzepte erlernt.

Gibt es eine Statistik über die Mitgliederanzahl des Ordens?

Eine Statistik gibt es im Buch von G. Briggs, etwa 60.000 Initiierte; doch ich denke es sind wesentlich mehr. Es gibt viele Bücher auf Hindi, in denen die wichtigsten Orte der Naths aufgezählt sind, ihre Tempel und Mahants. Es sind sehr viele, wobei sogar nur die bekannteren aufgelistet werden. Wenn ein Buch veröffentlicht wird mit der Aufzählung aller Tempel, so meine ich, dass auch die Initiierten aus den GUS-Ländern miteinbezogen werden. Übrigens, wenn in Israel auch nur ein kleiner Tempel erbaut wird, so wird auch dieser mitberücksichtigt. Die Statistik schließt natürlich auch westliche Schüler mit ein, aber nur wenn diese die Stufe eines Aughar oder Darshani erreicht haben.

Zum jetzigen Zeitpunkt kommen die meisten initiierten Ausländer aus Italien; es ist bekannt, dass dort de facto mindestens 5 Leute initiiert sind. Einer von ihnen hat sogar seine Staatsbürgerschaft gewechselt und wohnt seit 25 Jahren in Indien. Er ist Mahant in Kaschmir und heißt Italay Nath, sein Schüler Ajaypal Nath ist ebenso Mahant in Rajastan (Stadt Pushkar). Übrigens werden in dem Buch auf Hindi auch Europa und Amerika aufgezeigt, in New York gibt es z.B. einen gewissen Yogi Raja Nath. Also allgemein sind von den Weißen nur wenige eingeweiht, die Darshanis kann man an einer Hand abzählen. In Indien werden selbst die Inder nicht sofort eingeweiht; aber sie reißen sich auch nicht darum, weil sie selbst genau wissen, dass sie nicht bereit sind und es deshalb keinen Sinn macht.

Material entnommen aus dem Forum https://forum.dharmanathi.ru/


Author: Yogi Matsyendranath Maharaj

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